Zusammenfassender Kommentar zur aktuellen Ausgabe 

September 2022 

(in Klammern Links zu Grafiken – zu öffnen entweder in neuem Fenster oder in neuem Tab)

GANZ KURZ: 

Die Corona-Krise dominiert die wirtschaftliche Entwicklung.

Die Konjunkturindikatoren des 1. Quartals 2022 zeigen gegenüber dem Vorjahr wie dem Vorquartal ganz überwiegend positive Konjunktursignale (Quartalsvergleich): 

Auch die preisbereinigten Monatsindikatoren zeigen positive Signale (Monatsvergleich). Aber einige negative Signale sind. besorgniserregend:

  • Auftragseingang der Industrie gg. Vj.-7,8%, gg. Vm. -0,5%
  • Einzelhandelsumsatz (o. KFZ) gg. Vj. -8,5, gg. Vm -1,5%.
  • Die ifo-Geschäftserwartungen prognostizieren einen Absturz von -17,6 Punkten.
  • Im Umfeld niedrigster Arbeitslosigkeit wird gg. Vm eine Zunahme der Arbeitslosigkeit gemeldet.

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind überwunden. Die Wirtschaft zeigt Phänomene der Vollbeschäftigung. Aber die wirtschaftliche Lage ist nicht stabil.


Konjunktur und Wachstum

Das deutsche Wachstum hatte im 4. Quartal 2017 einen Höhepunkt mit +2,8%. Seitdem ist es bis zum 4. Quartal 2019 auf + 0,5% zurückgegangen. Im 2. Quartal 2020 schlug sich die Corona-Krise mit –11,3% nieder. Dieser Einbruch war aber nur von kurzer Dauer. Im 2. Quartal 2022 betrug das Wirtschaftswachstum gegenüber dem Vorjahr +2,6% (1.2, 1.3, 1.3b). In der EWU erreichte die wirtschaftliche Erholung das gleiche Niveau wie im Vorjahr  (1.6).

Die Konjunktur wird – positiv wie negativ – geprägt durch die Schwankungen der Beiträge der Industrie, die in hohem Maße in den Export gehen. Aber die Dienstleistungen dominierten bisher das Wachstum (1.4, 1.4a). 

Während der Index der Industrieproduktion stagniert, sinkt der preisbereinigte Auftragseingang der Industrie aus dem Inland seit Februar 2022  (2.1a, 2.2, 2.2a). 

Die deutschen Konjunkturindikatoren von ifo, die auf Managerbefragungen beruhen, schwanken seit 2011 in kurzen Abständen zwischen Abschwung und Aufschwung. Einige erwartete Aufschwünge und Abschwünge sind nicht eingetreten. Auch diese Konjunkturindikatoren zeigen seit dem Frühjahr 2022 einen deutlichen Abschwung an  (2.3, 2.4).

Selbst die nahe Zukunft der Wirtschaftsentwicklung ist prinzipiell unsicher. Die veröffentlichten deutschen Wachstumsprognosen erweisen sich bei einer statistischen Prüfung als ziemlich wertlos (2.7), und auch die üblichen kurzfristigen Konjunkturindikatoren haben in den letzten Jahren deutlich an Prognosekraft bezüglich des Wirtschaftswachstums verloren (2.6 und 2.6a). 


Privater Konsum

Preisbereinigt stagnierte in Deutschland der Konsum der privaten Haushalte von 2002 bis 2009. Die Finanz-Krise 2009 hat in der EU und in den USA den privaten Konsum deutlich in Mitleidenschaft gezogen, während er sich in Deutschland dagegen von der Finanz-Krise unberührt zeigte (4.8). 

Die Entwicklung des privaten Konsums wird bestimmt von der des verfügbaren privaten Haushaltseinkommens (4.3). Auffällig ist der Einfluss der Selbstständigen- und Gewinneinkommen auf den Konsum der privaten Haushalte, der seit 2004 die Entwicklung dominiert. In der Finanz-Krise stabilisierten die Sozialeinkommen die verfügbaren Haushaltseinkommen (4.2a und 4.2b). Nach der Finanz-Krise hat sich der Wachstumsbeitrag des Konsums in Deutschland nachhaltig vergrößert.

Im 2. Quartal 2020 lag der BIP-Anteil des Verfügbare Einkommen der Privaten Haushalte Corona-bedingt um -1,1% unter dem Vorjahreswert, der Anteil des privaten Konsums um -7,2%, der Anteil der privaten Ersparnis dagegen um +3,9% über dem Vorjahreswert. Im 2. Quartal 2022 liegt das Verfügbare Einkommen dagegen um +1,2% und der Konsum um +6,9% über dem Vorjahresstand, während die private Ersparnis um -3,1% unter dem Vorjahresstand liegt  (4.1, 4.2a, 4.3, 8.1). 


Seit September 2021 zeigt sich eine inflationäre Entwicklung, die sich zunehmen verstärkt. Im Juli erreichte sie 9,5%, ohne Energie 4,9% (3.6). Wie Abb. 3.6a zeigt, resultiert die Inflation in Deutschland weitestgehend aus Energiepreiserhöhungen. Dahinter steht eine mehr als Verdopplung des internationalen Ölpreises, die Anfang 2021 eingesetzt hat – als Folge eines plötzlichen Aufschwungs der Weltwirtschaft nach den Lähmungen der Corona-Krise.


Staat

Der Anteil der Steuereinnahmen, durch die Steuerreform von 2000 von 22% des BIP unter 20% gesunken, ist seit 2005 auf 22,8% im 1. Quartal 2009 angestiegen und hat damit sein Niveau von 2000 wieder erreicht. In der Finanz-Krise ist er unter 21% gesunken. Vor der Corona-Krise lag er über 23%. Im 3. Quartal 2020 lag er -2,0% unter dem Vorjahresstand. 

Der Anteil der öffentlichen Primärausgaben am BIP ist zwischen 2000 und 2008 als Reaktion auf die Steuerrückgänge um 10% abgebaut worden. Zwischen dem 1. Quartal 2008 und dem 4. Quartal 2009 ist er im Zeichen der Konjunkturprogramme von 23,6% auf 27,6% angestiegen. Danach ist er auf 25% gesunken. Seit 2018 ist er, als Reflex sprudelnder Steuereinnahmen, bei gleichbleibendem Überschuss, auf über 27% gestiegen. 

In der Corona-Krise sind die Staatsausgaben im 4. Quartal 2020 um 6,7% des BIP gestiegen, während die Staatseinnahmen um -0,3% gesunken sind. Daraus ergab sich konjunkturbereinigt ein Defizit von 7,4%. Im 4. Quartal 2021 sind die Staatsausgaben um +1,2% gestiegen, die Staatseinnahmen aber um +5,8%. Das Defizit lag bei 2,7% (5,1, 5.5, 5.2). 


Investitionen

Die Investitionsneigung ist in Deutschland seit langem sehr schwach.  Die Quote der Bruttoanlageinvestitionen ist von 23% im Jahre 2000 auf 20% im Jahr 2008 gesunken. Mit dem krisenbedingten Exporteinbruch seit dem 4. Quartal 2008 war ein starker Rückgang der privaten Investitionen (ohne Wohnungsbau) verbunden. In der Corona-Krise sind diese Investitionen zunächst eingebrochen. Im 4. Quartal 2020 lagen die privaten Investitionen ohne Wohnungsbau Corona-bedingt preisbereinigt um –15,3% unter dem Vorjahresstand. Im 2. Quartal 2022 waren es -0,1% (6.2, 6.3). 

Die Entwicklung der Zinsen hat seit den 90er Jahren sichtlich keinen Einfluss auf die Entwicklung der Investitionen (6.6 – vgl. auch 3.12a)

Die Bilder 6.3 und 6.3a lassen deutlich die Konjunkturabhängigkeit der privaten Investitionen (ohne Wohnungsbau) erkennen. Erst ab einem überdurchschnittlichen Wachstum der übrigen Wirtschaft von etwa 1,7% wachsen auch die Investitionen. Im Widerspruch zu den Annahmen der klassischen Theorie hängt die Entwicklung der privaten Investitionen in hohem Maße von der übrigen Konjunkturentwicklung ab – Konsum, Staat, Export, Wohnungsbau. Die Investitionen haben also insgesamt keinen bestimmenden Einfluss auf das Wachstum, sondern verstärken sowohl dessen Boomphasen wie dessen Abschwungphasen. Die lang andauernde Stagnation des Wohnungsbaus seit 2000 hat das deutsche Wachstum spürbar geschwächt. Seit 2011 wächst sein Beitrag zum BIP, und seit dem 2. Halbjahr 2015 ist ein starker Anstieg der Bau-Indikatoren zu verzeichnen (1.1, 1.3b, 2.2b, 6.1, 6.2).

Zwischen 2000 und 2008 ist die deutsche Investitionsquote gesunken, während die gesamtwirtschaftliche Sparquote gestiegen ist. Dieses Finanzierungsungleichgewicht bedeutete einen zunehmenden Geldabfluss ins Ausland. Von den 1,3 Billionen Euro deutsche Gesamtersparnis der Jahre 2002 bis 2008 sind 60% ins Ausland geflossen. Wie viele dieser Ersparnisse im Strudel der Finanz-Krise verloren gegangen sind, ist unbekannt. Nach der Krise lag der Anteil des Kapitalexports an der deutschen Gesamtersparnis regelmäßig zwischen 60% und 80%!, im 2. Quartal 2022 bei 74% (6.5q, 6.6).

Die Investitionen der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften (ohne Banken) werden in Deutschland ganz überwiegend durch Abschreibungen und durch eigene Ersparnisse finanziert. Seit 2004 werden dafür per Saldo nur noch in geringem Umfang Fremdmittel benötigt (6.5b). 


Geld und Kredit

In der Regel ist das wirtschaftliche Wachstum eng mit der Kreditausweitung der Unternehmungen verbunden (3.5). Eine hohe Liquidität der Unternehmungen mindert allerdings deren Kreditbedarf. Die Geldpolitik der Zentralbank steuert über ihre Zinssätze den Geldmarkt und beeinflusst dadurch Wachstum, Beschäftigung und Inflation. Die aktuellen niedrigen Zinserträge sind allerdings kein Produkt der Geldpolitik der EZB, sondern Ausdruck des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt (Abb. 6.6, 3.12a).

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bis zum Herbst 2008 trotz eines weltweiten Abschwungs ihre Zinssätze hochgehalten, aus Sorge um die Preisstabilität angesichts steigender Rohölpreise. Sie reagierte sehr zögerlich und spät auf die Entwicklung des Wachstums. Zur Bekämpfung der Finanzkrise senkte die EZB ab Oktober 2008 ihre Zinssätze auf ein extrem niedriges Niveau. Ab April 2011 hat sie in Sorge um die europäische Preisstabilität ihre Zinssätze in zwei kleinen Schritten angehoben. Seit November 2011 hat die EZB ihre Zinssätze jedoch schrittweise gesenkt – die Einlagezinsen zuletzt auf minus 0,5% und die Hauptrefinanzierungszinsen auf 0,00%!  

Abb. 3.10 zeigt die Geldpolitik der EZB vor dem Hintergrund ihrer wichtigsten Orientierungsgrößen (dazu auch 3.10a, 3.10b). Den Unterschied zwischen den Geldpolitiken der EZB und der amerikanischen FED demonstriert Abb. 3.12. Angesichts der 2021 einsetzenden hohen Inflation hat die us-amerikanische FED ihren Zinssatz im Sommer 2022 auf 2,6% angehoben. Die EZB ist ihr mit einer kleinen Anhebung von 0,5% gefolgt (3.12.). Da es sich um eine importierte Inflation handelt, ist nicht damit zu rechnen, dass sich diese Maßnahmen inflationsmindern auswirken werden.

Im Gefolge der Turbulenzen an den Finanzmärkten haben laut Bankenbefragung die deutschen Banken seit 2007 die Bedingungen ihres Kreditangebots stetig verschärft. Gegenwärtig ist eine leichte Lockerungstendenz zu erkennen. Seit 2009 erhebt die EZB halbjährlich einen „Survey on the access to finance of SMEs in euro area“, der auf Unternehmensbefragungen beruht. Besonders kritisch war die Finanzlage der KMU im 2. Hj. 2009. Während sich die Lage in Deutschland stetig verbessert hat, wurde in der EWU bis 2014 40% der KMU der Kreditwunsch ganz oder teilweise abgelehnt. 2019 waren es nur noch 28%. Die Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe hat sich in der EWU seit 2014 deutlich verbessert. Dies gilt auch für die deutschen KMU. Generell ist nur noch bei 6% der KMU die Finanzierung ein dringliches Problem (3.9a, 3.9b, 3.9c, 3.9d, 3.9e).

Seit dem Jahre 2011 ist die Nettokreditaufnahme des deutschen Staates völlig abgebaut worden. Gegenläufig zur Konjunkturerholung sank im Jahr 2010 das Kreditvolumen der Unternehmungen. Seit Herbst 2014 wachsen die privaten Kreditbestände in Deutschland. In der EU wachsen sie verhalten (3.4). In der Corona-Krise sind die Staatsausgaben im 4. Quartal 2020 um 6,7% des BIP gestiegen, während die Staatseinnahmen um -0,3% gesunken sind. Daraus ergab sich konjunkturbereinigt ein Defizit von 7,4%. Im 4. Quartal 2021 sind die Staatsausgaben um +3,3% gestiegen, die Staatseinnahmen aber um +1,2%. Das Defizit lag bei 2,7% (5.2).

Seit 2001 haben die deutschen Banken ihre Auslandsgeschäfte in extremem Maße ausgedehnt. Ein großer Teil der deutschen Finanzmittel floss seither ins Ausland (3.13a). Ausgangspunkt war ein Niedergang der inländischen Kreditnachfrage seit 2001 (3.13c). Bis 2008 ist das Aktivsaldo der deutschen Banken gegenüber dem Ausland von 15% auf über 80 % des deutschen BIP gestiegen. Nach der Finanz-Krise ist es jedoch auf 40% gesunken (3.13a, 3.13b, 3.13d, 3.13e). 

Die internationale Finanz-Krise hat sich schlagartig in eine internationale Handelskrise verwandelt. Im September 2008 begann der DAX-Einbruch, im Oktober begannen die Zinssenkungen der EZB, und im November sanken weltweit die Exporte um über 10%, bis Februar 2090 um über 20%. Der Exporteinbruch seit dem 4. Quartal 2008 wurde von einem ähnlich starken Einbruch der Importe begleitet (1.3 und 7.3). Dieser plötzliche Exporteinbruch kann nur durch eine Lähmung der Exportfinanzierung erklärt werden – eine weltweite Klemme der Handelskredite. Inzwischen ist der Einbruch des Welthandels überwunden (7.3b).


Außenwirtschaft

Das deutsche Wachstum wird geprägt durch die Entwicklung der Exporte. Dies gilt auch für den Abschwung in der Krise und die Erholung. Der nominale BIP-Beitrag der deutschen Exporte stieg im 1. Quartal 2021 im Vorjahresvergleich um +0,3%, der Beitrag der Importe fiel um -0,6%. Im 2. Quartal 2022 lagen die nominalen Exporte ebenso wie die Importe wieder auf Vorkrisenniveau. Der Außenhandelsüberschuss ist in der Coro-Krise deutlich zurückgegangen (7.1, 7.3, 7.5). 


Seit dem Exporteinbruch der Finanz-Krise ist Deutschland nicht mehr Exportweltmeister, sondern China! (7.6a). Das deutsche Wachstum wird jedoch nachhaltig geprägt durch die Entwicklung der Exporte. Dies gilt auch für die Krisen. (7.3a). 


2016 wurden 38% der deutschen Exporte nicht in Deutschland hergestellt, sondern importiert (7.2, 7.2a). 68% der deutschen Exporte bleiben in Europa. Auch der Exporteinbruch der Krise 2009/2010 resultierte ganz überwiegend aus Europa (7.1). Die Entwicklung der Binnennachfrage in den anderen EU-Ländern beeinflusst die Entwicklung der deutschen Exporte in die EU in starkem Maße. Auch die extreme Parallelität von Importen und Exporten verdeutlicht die konjunkturelle Verflechtung innerhalb des EU-Binnenmarktes (7.4, 7.4a). 

Der Außenhandelsüberschuss stieg bis 2007 auf über 8% des BIP. Nach der Finanz-Krise lag er zwischen 6% und 9%. Er stammt überwiegend aus der EU (7.5). 

Von 2000 bis 2012 sind die Kosten des Energieimports von 3% auf 5% des BIP gestiegen. Dies minderte die Binnenkaufkraft der Konsumenten erheblich. Bis Mitte 2016 ist der nominale BIP-Anteil der deutschen Energieimporte auf 2% gesunken, mit spürbaren Auswirkungen auf die Binnenkaufkraft. Auch in der weltweiten Corona-Krise sind die Energiepreise vorübergehend eingebrochen. Inzwischen steigen sie wieder (3.6, 4.6, 4.7 und 7.1c). 

Seit 2001 verzeichnet Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss, der 2007 auf fast 8% des BIP angewachsen ist. Im 4. Quartal 2010 lag er bei 7,3%. Im Oktober 2021 - Corona-Krise - betrug er 7,1% (7.7 und 7.8). Der Saldo der Kapitalbilanz ist in Deutschland seit 2004 annähernd gleich groß wie der Saldo der Leistungsbilanz und seit 2006 wie der Außenbeitrag. Der deutsche Exportüberschuss wird also in hohem Maße als Kapitalexport realisiert (7.9, 7.10).


Lohnkosten und Wettbewerbsfähigkeit

Die deutschen Lohnkosten sind 2000 bis 2007 um über 8% hinter der Produktivitätsentwicklung zurückgeblieben. Dies addierte sich bis 2007 zu einem Lohnverzicht im Umfang von über 10% eines deutschen Jahres-BIP. Die vielfach geforderte Lohnzurückhaltung hat stattgefunden, ohne dass dies positive Wachstumsfolgen gehabt hätte. Seit dem Sommer 2008 ist infolge des Produktionsrückganges diese Senkung der Lohnstückkosten teilweise wieder aufgezehrt worden (8.2). Besonders in der Industrie ist dies zu beobachten (8.2a). 

In der Finanz-Krise wurde die Lohnkostenentwicklung (Arbeitnehmerentgelte) in Deutschland geprägt durch einen deutlichen Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen, insb. in der Industrie (minus 10%) (9.8). Seit 2010 wachsen die Arbeitsentgelte pro Arbeitnehmer jährlich zwischen 2% und 3%. (8.1). Allerdings lagen die realen Arbeitnehmerlöhne pro Person im Sommer 2015 erstmals wieder auf dem Niveau von 2001, nach dem sie vor der Krise auf einen Tiefpunkt gesunken waren!

Alle Grafiken zu Löhnen und Kosten in Kap. 8 verdeutlichen, dass sich die Wettbewerbssituation Deutschlands über die Lohnkosten in den Jahren nach 2000 spürbar verbessert hat. Die Lohnentwicklung in der Industrie der EU ließ eine Tendenz zum Lohnsenkungswettlauf erkennen (8.4). Über die tatsächlichen deutschen Wettbewerbserfolge berichten die Außenhandelsstatistiken in Kap. 7. Die Explosion der deutschen Exportüberschüsse der vergangenen Jahre, insb. im EU-Binnenmarkt, war – angesichts der gewachsenen europäischen und der schwachen deutschen Binnennachfrage, die die deutsche Importentwicklung beeinträchtigt hat (7.4a und 7.4b) – auch indirekte Folge der deutschen Lohnzurückhaltung. Während sich die deutsche Wettbewerbssituation in der EWU zwischen 1999 und 2008 trendartig verbessert hat, prägt die schwankende Dollarentwicklung die Wettbewerbssituation gegenüber den anderen Ländern (8.7). 

Außerhalb Europas wird die deutsche Wettbewerbsfähigkeit allerdings beeinträchtigt von den Billiglöhnen in Südostasien. In China beträgt ein Stundenlohn etwa 3,50 Euro (Peking, 2019). Der Yuan-Kurs (Renminbi) ist staatlich kontrolliert. Bis 2005 war er fest an den Dollar gebunden. Seitdem ist er mehrfach auf- und abgewertet worden (8.7a). 


Beschäftigung

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren erstaunlich positiv entwickelt. Nach der deutschen Einigung hatte die Erwerbstätigkeit vor der Finanz-Krise saisonbereinigt ein Maximum von 41,04 Millionen Erwerbstätigen erreicht. In der Finanz-Krise sank sie bis September 2009 leicht auf 40,84 Millionen Im Januar 2020 betrug Zahl der Erwerbstätigen 45,34 Millionen. Bis Juni 2020 ist sie aber infolge der Corona-Krise gegenüber dem Vorquartal um 600 Tausend gesunken. Im Dezember 2021 wurde mit 45,2 Millionen nahezu der Vorkrisenstand wieder erreicht. Im Juli 2022 wurde mit 45,59 ein neuer Höchststand er Erwerbspersonen erreicht. (9.1, 9.1d).

Seit Sommer 2010 wächst das Arbeitspotentials, also sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer + Arbeitslose, stetig an. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit betrugen die Veränderungen zwischen Juni 2010 und Juni 2017 (in Millionen Personen):

                                                insgesamt        Deutsche        Ausländer

    Arbeitnehmer                        +4,198          +2,606              +1,591

    Arbeitslose                              -0,676           -0,850              +0,174

    Arbeitnehmerpotential        +3,522          +1,757              +1,765


50% des Zuwachses an Arbeitspotential entfiel auf Ausländer, aber nur 38% des Zuwachses der Beschäftigung.


Allerdings bieten die Zahlen der Beschäftigten ein falsches Bild der Beschäftigungsentwicklung, weil ein Großteil der zusätzlichen Beschäftigungsverhältnisse nur Teilzeitbeschäftigung ist. Folgende Zahlen rücken die Beschäftigungsentwicklung, die in der Öffentlichkeit als „deutsches Beschäftigungswunder“ gepriesen wird, in ein realistischeres Licht. Zwischen dem Vorkrisenniveau 2. Quartal 2008 und dem 2. Quartal 2018, also in 10 Jahren, haben sich wie folgt verändert (saisonbereinigt): 

    BIP real                                        +13,1%

    Zahl der Arbeitnehmer             +11,6%

    Arbeitnehmerstunden                 +9,2%

    Stunden pro Arbeitnehmer          -2,1%.


Im 2. Quartal 2020 - Corona-Krise - ist die Zahl der Arbeitnehmer im Vorjahresvergleich um -1,1% gesunken, die der Arbeitnehmerstunden dagegen um 8,0%, bei einem Rückgang des realen BIP um -11,2%. Im 4. Quartal 2020 hat sich der Rückgang der Arbeitnehmerstunden gegenüber dem Vormonat fast halbiert, währen der Einbruch des Wachstums auf -3,6% zurückgegangen ist. Im 2. Quartal 2022 ist die Zahl der Arbeitnehmer um +1,9% gegenüber dem Vorjahr gestiegen, die der Arbeitnehmerstunden gegenüber dem Vorjahr um +11,6%, das reale BIP um +3,6% (9.4, 9.4d).

Angesichts einer Rekordzahl von über 48,1 Millionen Erwerbspersonen lag die Zahl der Arbeitslosen mit 2,3 Millionen im Mai 2022 auf ihrem tiefsten Punkt. Die Zahl der Kurzarbeiter, vor der Krise nur 50 Tausend, betrug im Mai 2022 nur noch 259 Tausend, nach einem Maximum von 6 Millionen im April 2020. In der Finanz-Krise, als das Kurzarbeitergeld seine erste Bewährungsprobe bestanden hat, waren es 1,4 Millionen Kurzarbeiter gewesen (9.1d). Während die Arbeitslosigkeit in den USA Mitte 2021 kurzfristig auf über 13% hochgeschnellt ist, lag sie in der EU dank staatlicher Unterstützungen für Kurzarbeit bei nur um 1 % höher als auf dem Höhepunkt der Corona-Krise: 2020.I 6,6%, 2021.III 7,8%, 2022.II 6,7% (9.9).


Insgesamt vollzieht sich die Tertiärisierung der Erwerbstätigkeit in Deutschland unaufhaltsam: während der Erwerbstätigenanteil der tertiären Sektoren 1991 noch bei 60% gelegen hatte, ist er bis 2016 auf 74% gestiegen. Den Schwerpunkt des Wachstums der Dienstleistungen bilden die Unternehmensdienstleistungen (9.5a, 9.5b). Vergleicht man allerdings die aktuelle Beschäftigung mit dem Stand vor der Finanz-Krise, dann zeigt sich eine dominierende Zunahme in den Bereichen öffentliche Verwaltung, Erziehung und Unterrecht sowie Gesundheitswesen (9.6b). 

Die Finanz-Krise prägte weltweit die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die Zunahme der Arbeitslosigkeit war in Deutschland dagegen bemerkenswert gering. Und auch der anhaltende Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 2010 weicht deutlich von den Entwicklungen in Europa ab (9.9).


Zusammenfassung

An den verfügbaren Statistiken lässt sich die aktuelle Wirtschaftssituation zusammenfassend wie folgt ablesen:

   Quartalsvergleich

    Monatsvergleich

Diese Daten zeigen: Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind überwunden. Die Wirtschaft zeigt Phänomene der Vollbeschäftigung. Aber die wirtschaftliche Lage ist nicht stabil. Die hohen Energiepreise entziehen dem privaten Konsum Kaufkraft.


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